Interoperabilität im Finanzsektor

Interoperabilität im Finanzsektor bezeichnet die Fähigkeit von Banken, Zahlungssystemen und Ledgern, Aufträge auszutauschen und Transaktionen miteinander abzuwickeln, ohne dass jeder Teilnehmer jedem System beitreten muss. Der Begriff umfasst das Nachrichtenformat zweier Systeme, das Register, das zeigt, wem ein Vermögenswert gehört, und das Geld, mit dem er bezahlt wird, denn eine Übertragung gelingt nur, wenn alles zusammenpasst.

Banken und Finanzmarktinfrastrukturen befassen sich mit dem Thema, weil Anleihen, Fondsanteile und Einlagen inzwischen auch auf getrennten Blockchains und DLT-Plattformen existieren. Jede Plattform hat eigene Regeln, eigene Teilnehmer und oft ein eigenes Cash-Token, sodass eine Bank ohne Verbindungen für jede Plattform eine eigene Anbindung, ein eigenes Konto und eigene Liquidität braucht.

Bunte Patchkabel verbinden zwei Netzwerk-Switches und ein Patchpanel in einem Serverschrank (Foto: © European Union, 2025, CC BY 4.0)

Nachrichten, Werte und Geld: was verbunden werden muss

Der Ausschuss für Zahlungsverkehr und Marktinfrastrukturen (CPMI) der BIZ definiert Interoperabilität als technische, semantische und geschäftliche Kompatibilität, mit der Teilnehmer verschiedener Systeme Transaktionen systemübergreifend abschließen und abwickeln (auf Englisch) können, ohne an jedem System teilzunehmen. Technische Kompatibilität bedeutet, dass zwei Systeme überhaupt Daten miteinander austauschen können. Semantische Kompatibilität heißt, dass beide ein Feld wie den Zahler oder das Valutadatum gleich verstehen, und die geschäftliche Kompatibilität regelt Zugang, Finalität und Haftung.

Bei einer klassischen Euro-Zahlung sind diese Fragen seit Langem gelöst: Eine standardisierte Nachricht trägt den Auftrag, die Banken führen die Kundenkonten, und der Ausgleich zwischen den Banken erfolgt in Zentralbankgeld. Eine tokenisierte Anleihe bringt ein Ledger mit, das den Vermögenswert selbst erfasst, und dieses Ledger muss die Nachrichten der Banken und das Geld erreichen, mit dem die Anleihe bezahlt wird. Interoperabilitätsprojekte im Finanzwesen bauen genau diese drei Verbindungen zwischen Ledgern, Banknachrichten und Abwicklungsgeld.

ISO 20022 und Swift als Brücke zu bestehenden Systemen

ISO 20022 ist der gemeinsame Nachrichtenstandard der Infrastruktur im Euroraum: T2, das Echtzeit-Bruttoabwicklungssystem des Eurosystems, nutzt ISO 20022 ebenso wie T2S, TIPS und das Sicherheitenverwaltungssystem ECMS. Der Standard definiert Nachrichtenfamilien wie pacs für Zahlungen zwischen Banken und camt für Kontoauszüge. Weil die meisten Banken diese Nachrichten bereits erzeugen, ist der Standard der naheliegende Einstieg, um Banksysteme mit tokenisierten Vermögenswerten zu verbinden.

2023 testete Swift mit mehr als einem Dutzend Instituten, darunter Citi, BNP Paribas, Euroclear, Clearstream und SIX Digital Exchange, ob eine Bank über ihre Swift-Anbindung mehrere öffentliche und private Blockchains erreicht (auf Englisch). Chainlink verband das Swift-Netz mit den Blockchains und übertrug die Transfers mit seinem Cross-Chain Interoperability Protocol. Auf der Sibos 2025 zeigte ein Pilot mit UBS Tokenize, dass über Swift gesendete ISO-20022-Nachrichten Zeichnungen und Rücknahmen auslösen (auf Englisch) können, in diesem Fall für einen tokenisierten Fonds. Im November 2025 schloss UBS eine Zeichnung und Rücknahme im Livebetrieb (auf Englisch) für den Token ihres Geldmarktfonds uMINT auf Ethereum ab, nach demselben Chainlink-Standard für Transferstellen. Swift baut außerdem ein gemeinsames Ledger für tokenisierte Einlagen neben seinen Nachrichtendiensten.

Ledger miteinander verbinden

Zwischen öffentlichen Blockchains läuft Interoperabilität über Cross-Chain-Protokolle wie CCIP, LayerZero, Wormhole und Axelar. Jedes davon überträgt eine geprüfte Nachricht von einer Chain zur anderen, sodass ein Token auf einer Seite gesperrt oder verbrannt und auf der anderen ausgegeben werden kann. Die Protokolle unterscheiden sich darin, wer das Ereignis auf der Ausgangs-Chain bestätigt, und genau dieses Vertrauensmodell muss eine Bank prüfen, bevor sie einen regulierten Vermögenswert über Chains hinweg bewegt.

Canton Network verfolgt für Institute einen anderen Ansatz: Jeder Teilnehmer führt ein eigenes Ledger, und ein Synchronizer koordiniert nur die Teile einer Transaktion, die die Gegenparteien gemeinsam haben. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich schlägt ein drittes Modell vor, das Unified Ledger, auf dem tokenisiertes Zentralbankgeld, tokenisierte Einlagen und tokenisierte Vermögenswerte auf einer programmierbaren Plattform liegen. Projekt Agora erprobte dieses Modell mit Zentralbanken wie der Banque de France und der Schweizerischen Nationalbank sowie mit mehr als 40 Finanzinstituten. Auf einem gemeinsamen Ledger hält eine Bank einen einzigen Pool tokenisierten Geldes, bei mehreren verbundenen Ledgern muss dieses Geld überbrückt oder auf jeder Plattform getrennt gehalten werden.

Zentralbankgeld für DLT-Plattformen

Seit dem 21. September 2026 verbindet der Eurosystem-Dienst Pontes DLT-Plattformen mit den TARGET-Diensten, sodass ein Geschäft auf einem Ledger seine Geldseite in Euro-Zentralbankgeld abwickeln kann. Die EZB kündigte am selben Tag an, für ihre Eigenmittel tokenisierte Wertpapiere von Staaten des Euroraums und supranationalen Emittenten zu kaufen und über Pontes abzuwickeln. Pontes bündelt die drei Lösungen, die das Eurosystem 2024 getestet hat, darunter die Trigger-Lösung der Deutschen Bundesbank, und der längerfristige Appia-Pfad klärt, ob Europa ein gemeinsames oder mehrere verbundene Netze braucht.

Die Schweizerische Nationalbank stellt im Projekt Helvetia seit Ende 2023 Wholesale-Zentralbankgeld auf der Plattform von SIX Digital Exchange bereit. Im Juni 2025 verlängerte die SNB den Pilotbetrieb bis mindestens Mitte 2027 und ergänzte einen zweiten Weg: BX Digital, ein Handelssystem für tokenisierte Vermögenswerte, wird an das Swiss Interbank Clearing angebunden, sodass tokenisierte Vermögenswerte auch gegen herkömmliches Zentralbankgeld abgewickelt werden. Die SNB will beide Wege im Produktivbetrieb vergleichen, bevor sie über das weitere Vorgehen entscheidet.

Regeln und Risiken in der EU, Deutschland und der Schweiz

Kein einzelner EU-Rechtsakt regelt Interoperabilität, daher ergeben sich die Pflichten aus den Regeln jedes Systems, das eine Transaktion berührt. Die Finalitätsrichtlinie schützt die Endgültigkeit von Übertragungen innerhalb benannter Systeme, sodass eine Übertragung in ein nicht benanntes Ledger eine vertragliche Regel für den Zeitpunkt der Finalität braucht. Das DLT-Pilotregime erlaubt Marktinfrastrukturen seit dem 23. März 2023, tokenisierte Wertpapiere auf einem Ledger zu handeln und abzuwickeln, und seine DLT-Abwicklungssysteme dürfen sich an Pontes anbinden. Nach DORA, die seit dem 17. Januar 2025 gilt, erfasst eine Bank, die die Anbindung an Ledger bei einem Anbieter einkauft, diesen Anbieter im Informationsregister und braucht für kritische Funktionen einen Ausstiegsplan.

In Deutschland erlaubt das Gesetz über elektronische Wertpapiere Emittenten, Anleihen und Fondsanteile in einem Kryptowertpapierregister zu führen, und die Führung eines solchen Registers erfordert eine Erlaubnis der BaFin. Die Schweiz schuf mit dem DLT-Gesetz, das seit dem 1. August 2021 gilt, Registerwertrechte und eine Bewilligung für DLT-Handelssysteme, und die FINMA erteilte BX Digital am 18. März 2025 die erste solche Bewilligung.

Der CPMI nennt die Risiken fehlender Interoperabilität: Plattformbetreiber können Verbindungen meiden, um Marktmacht zu behalten, Liquidität und Wertpapiere bleiben auf mehreren Plattformen gebunden, und Banken landen bei bilateralen Anbindungen und langen Transaktionsketten. Wo Verbindungen bestehen, liegt die Schwachstelle meist im Prüfschritt zwischen zwei Ledgern, an dem die größten Bridge-Ausfälle passierten, während die Chains selbst weiterliefen.

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Was bedeutet Interoperabilität bei Banken?

Interoperabilität bei Banken bedeutet, dass eine Bank eine Zahlung oder einen Wertpapierauftrag an den Kunden einer anderen Bank oder an ein anderes System senden kann, ohne in jedem System ein Konto zu eröffnen. SEPA-Echtzeitüberweisungen zeigen das im Alltag: Nach der EU-Verordnung über Sofortzahlungen müssen Banken im Euroraum, die Überweisungen anbieten, auch Echtzeitüberweisungen in Euro senden und empfangen, sodass jedes Konto jedes andere in Sekunden erreicht.

Was ist Blockchain-Interoperabilität?

Blockchain-Interoperabilität ist die Fähigkeit einer Blockchain, auf ein geprüftes Ereignis einer anderen zu reagieren, etwa auf einen dort gesperrten, verbrannten oder übertragenen Token. Bei einem regulierten Vermögenswert entscheiden zwei Fragen: wer diese Nachricht prüft und ab wann die Übertragung auf beiden Chains rechtlich endgültig ist.

Interoperabilität im Zahlungsverkehr: von der Kasse bis ins Ausland

Im Zahlungsverkehr bedeutet Interoperabilität, dass Zahler und Empfänger verschiedene Banken, Apps oder Kartensysteme nutzen und die Zahlung trotzdem ankommt. An der Kasse funktionieren eine Smartphone-Wallet und eine kontaktlose Karte am selben Terminal, weil beide den EMV-Spezifikationen für kontaktloses Bezahlen (auf Englisch) folgen, und zwischen Ländern verlangt die G20-Roadmap für grenzüberschreitende Zahlungen, dass nationale Zahlungssysteme sich miteinander verbinden.

Nutzt ISO 20022 eine Blockchain?

Nein, ISO 20022 ist ein Standard für Inhalt und Aufbau von Finanznachrichten und schreibt nicht vor, wie ein Ledger sie speichert. ISO-20022-Nachrichten können trotzdem Vorgänge auf einer Blockchain auslösen, wie der Pilot von UBS mit einem tokenisierten Fonds über Swift zeigte, und dieselbe Nachricht kann dann Bankkonto und Token-Register zugleich aktualisieren.

So funktioniert CBDC-Interoperabilität

CBDC-Interoperabilität verbindet Zentralbankgeld in verschiedenen Währungen oder auf verschiedenen Plattformen, sodass eine grenzüberschreitende Zahlung auf beiden Seiten in Zentralbankgeld abgewickelt wird. Projekt mBridge bringt mehrere digitale Zentralbankwährungen auf eine gemeinsame Plattform, während Pontes bestehende DLT-Plattformen mit dem Euro-Zentralbankgeld verbindet, das Banken bereits in T2 halten.

Interoperabilität im Finanzsektor und Finance Loop

Finance Loop behandelt Interoperabilität im Finanzsektor im Bereich Digitale Infrastruktur und Souveränität, neben Zahlungsinfrastruktur, Kernbankensystemen und ISO 20022. Während der Sibos 2025, der Swift-Konferenz in Frankfurt, veranstaltete Finance Loop im TechQuartier gegenüber der Messe Frankfurt ein Side-Event zu Zahlungsverkehr und Blockchain-Technologie.

Finance Loop ist ein Experten-Netzwerk und will die institutionelle Nutzung neuer Technologien im Finanzwesen voranbringen, wie KI, digitale Zahlungen sowie Cloud- und Blockchain-Lösungen. Finance Loop hilft seinen Mitgliedern, Kompetenzen und persönliche Netzwerke in diesen Bereichen aufzubauen: Investment und digitale Vermögenswerte, Zahlungsverkehr und digitales Geld, Digitale Infrastruktur und Souveränität und Risiko und Compliance.

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